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Ulrich Arnswald / Anja Weiberg (Hrsg.).

Der Denker als Seiltänzer
Ludwig Wittgenstein über Religion, Mystik und Ethik


Mit Beiträgen von Joachim Schulte, Matthias Kroß, Dieter Mersch, Regine Munz u.a.
2001, 13 x 21 cm,    230 S., Br.,     ISBN 3-930450-67-4     EUR 19,80


Der Denker als Seiltänzer
Rezensionen

Dirk Hommrich, Frankfurt am Main
Wittgenstein-Jahrbuch 2001 / 2002, , S. 439 – 445.

Mit dem von Ulrich Arnswald und Anja Weiberg bei Parerga herausgegebenen Sammelband „Der Denker als Seiltänzer. Ludwig Wittgenstein über Religion, Mystik und Ethik“ ist fünfzig Jahre nach Wittgensteins Tod eine weitere Publikation erschienen, die sich mit dem Verhältnis des Tractatus logico-philosophicus (TLP) zu Motiven seiner späteren Schriften befaßt. Im Gegensatz zur analytisch ausgerichteten Philosophie orientiert sich diese Anthologie hingegen größtenteils am Erbe der kontinentaleuropäischen Philosophietradition und versucht, die in der Wittgenstein-Forschung weitgehend an den Rand gedrängte Frage nach der Metaphysik und der ihr inhärierenden nach der Möglichkeit von Immanenz ins Zentrum der Interpretationen zu rücken.

Diese Problematik, von Wittgenstein bereits im Vorwort betont, findet sich schon im Tractatus. Dort heißt es: „Die Logik ist transcendental.“ (6.13) Und: „Die Ethik ist transcendental.“ (6.421) - Beide entziehen sich dem Bereich des (wissenschaftlich) Sagbaren, und wenngleich sie sich dadurch im wesentlichen der ersten Person wie auch der Philosophie überantworten, so eröffnen Wittgensteins Reflexionen über das Unsagbare dennoch zahlreiche Querverbindungen zur Phänomenologie, zur Hermeneutik, zur Anthropologie, zur Sozialphilosophie wie auch den Sozial- und Kulturwissenschaften. Entsprechend organisieren sich die 14 Artikel des Bandes in einer dreigliedrigen Relation: in jene von Unsagbarem/Zeigbarem (Religion, Kunst, Ethik, Logik), Sagbarem (Wissen), und dem Problem von Identität und Alterität bzw. von Isomorphie und Hermetik von Sprachspielen in Lebenswelten.

Heißt es im Tractatus von der unsinnigen Rede und dem unverfügbar Unsagbaren, daß sie allererst durch die klare Darstellung des sinnvoll Sabgaren „von innen“ (4.114) gegen das Transzendentale begrenzt werden müssen, so lassen sich einige von Wittgensteins Schriften, dem Titel des Bandes folgend, auch beschreiben als Drahtseilakt an und auf der Grenze zur unsinnigen Rede über Religion und die Frage nach Gott im allgemeinen wie auch über den sehr individuellen, mystischen Grund absoluter Erfahrungen von der Faktizität der Welt, der absoluten Sicherheit und des Schuldigseins wie sie im Vortrag über Ethik (VE) thematisiert werden.

Als einen Bereich des Unsagbaren behandeln daher zwei Artikel des Bandes das „metaphysische Bedürfnis“ (Schopenhauer) Wittgensteins in enger Verknüpfung mit biographischen Bezügen, privaten Notizen und Briefwechseln. Damit bieten sie zwar eine lebensweltliche Perspektive auf die Person Wittgenstein an, berühren dabei allerdings die philosophische Frage nach dem Status der Metaphysik im Werk Wittgensteins nur wenig.

So schlägt Regine Munz vor, „Ludwig Wittgensteins Schreiben im Ersten Weltkrieg“ als Bewältigungsversuch des Massensterbens, einer „tiefen existentiellen Krise“ zu interpretieren, die auf die beschwiegene und verdrängte „denkerische Leerstelle seines Philosophierens“ (S.175) verweise und insofern als „hermeneutische Bezugsgröße“ (S.158) und „rationale Antwort auf die Rolle des Schweigens im Denken Wittgensteins“ (S.176) gelten könne.

Monika Seekircher wiederum geht Wittgensteins „praktischer Ethik“ anhand verschiedener Briefbeispiele nach. Dabei unterfüttert sie quasi das „Anrennen gegen die Grenzen der Sprache“ (vgl. VE, S.18 ) im TLP mit ethischen Motiven und Eigenheiten aus Wittgensteins Lebenswelt, welche sich durch den „Handlungscharakter“ (S.213) bzw. vermittels des interaktiven Vollzugs der dialogischen Form des Briefes (S.230) zeigen lassen, so Seekircher.

Zwei weitere Artikel befassen sich mit dem Problem der Religion in systematischer Hinsicht (Schönbaumsfeld, Somavilla). Ilse Somavilla geht dabei auf Ausdrucksformen der „Religion und Kunst in Wittgensteins Philosophieren“ ein und betont die Rolle von „Zeigbarem“ und „Sich-Zeigendem“ (S.231) in diesen. Vor dem Hintergrund des mystisch-ästhetischen Wittgenstein’schen Blicks „sub specie aeternitatis“ (Spinoza), der die Anschauung der Welt als begrenztes Ganzes (S.241) und eine stete „Änderung der Sichtweise“ (S.236) ermöglichen soll, ordnet Somavilla scheinbar das Sich-Zeigende exklusiv dem Bereich des göttlich Unaussprechlichen und Religiösen, das Zeigbare hingegen den ästhetischen und philosophischen Sprachen zu. (S.242ff.) So kann sie zwar vor allem auf die Form des Wittgenstein’schen Schreibens als ebenso bedeutsame „ethische Forderung“ (Drury), auf die Rolle unsinniger Ausdrücke und die mit ihnen implizierte Möglichkeit eingehen, auf der Grenze von Sagbarem und Unsagbarem stilistisch und gestisch etwas anzuzeigen (S.247), vernachlässigt jedoch die Gleichzeitigkeit der materialen semantischen Klärungsarbeit in der Sprache, der Klarheit als Selbstzweck (Kross), und kann daher den Bereich des sinnvoll Sagbaren, des (philosophischen) Wissens, nicht mehr in ihren Text integrieren.

Einen lebensweltlich und sozialethisch orientierten Zugang bieten die drei Artikel von Wilhelm Beermann, Jens Kertscher und Anja Weiberg mit ihren Betrachtungen zur Transzendentalität der Ethik und dem, was man den ethischen Sinn des Schweigens und der Rede in der ersten Person Wittgensteins nennen könnte. So beschäftigt sich Wilhelm Beermann mit der Entwicklung der Wittgensteinschen Ethik vom Tractatus und dem VE über die Philosophischen Untersuchungen (PU) bis zu Über Gewißheit (ÜG) als einer versöhnlichen Entwicklung vom einsamen Solipsismus des frühen Wittgenstein über die „Systeme der Verständigung“ (PU §3) hin zum Sprachspiele normativ fundierenden Recht, jemand anderen anzusprechen und den Streit zu riskieren. „Die Befreiung aus dem Käfig“, so der Titel des Artikels, verläuft über zwei Thesen: während die PU eine Phase repräsentiere, die ethische Sätze nicht mehr als unsinnig begreift und stattdessen rehabilitiert, so kehre ÜG das Fundierungs-verhältnis von Ethik und logisch-grammatischer Analyse gegenüber dem TLP vollends um. (S.35) Der Sprachspielbegriff erhalte nun, sieht man vom Bereich des religösen Glaubens ab, seinerseits eine (sozial-)ethische Fundierung. (S.47f.) Damit aber, so der Schluß des Autors, unterscheidet sich diese Sicherheit zu der im VE dadurch, daß sie den Status eines Rechts beanspruchen kann und nicht auf der Stufe der „Sicherheit eines Gefühls“ (S.50) stehen bleibt.

Anja Weibergs Artikel „Philosophie und Leben“ fokussiert Wittgensteins „ethische Forderung“ (S.275) nach Wahrhaftigkeit im Denken wie im Handeln. Dazu werden in einem ersten Teil des Beitrags zunächst Wittgensteins Verständnis von Begriffen wie Weltbild, Sprachspiel, Wissen, Wirklichkeit und Wahrheit erläutert, um die perspektivische Relativität dieser Begriffe zu exponieren. Die Unbegründetheit eines Weltbildes wie auch seiner Grammatik führt zu der Erkenntnis, so Weiberg, daß gesichertes Wissen auf der „Anerkennung bestimmter nicht bezweifelter Sätze“ (S.276) durch eine Gemeinschaft beruht: „Das Wissen gründet sich am Schluß auf der Anerkennung.“ (ÜG, 378, 298) Nach Ansicht der Autorin verweist die Inkommensurabilität unterschiedlicher Weltbilder daher darauf, daß „Argumente der Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Weltsicht“ (S.276) zumeist ins Leere laufen. Gelingt ein solcher Überzeugungsversuch doch einmal, so nicht dehalb, weil die besseren Gründe vorliegen, sondern vielmehr handelt es sich um „eine Art Überredung“ (ÜG 262), eine „Bekehrung“, durch die der Andere „dazu gebracht (würde), die Welt anders zu betrachten.“ (ÜG 92) Im zweiten Teil versucht sie sodann, den Stilbegriff stark zu machen gegen die Auffassung, Wittgenstein sei ein Verteter schlechter Beliebigkeit und grundsätzlicher, unlösbarer Inkommensurabilität von Sprachspielen. (S.285) Zwar müsse nach Wittgenstein die Hoffnung aufgegeben werden, „die“ Wahrheit zu erkennen, die „Möglichkeit der Überzeugung anderer“ aber bleibt Weiberg (in Anschluß an Hans Julius Schneider) zufolge weiter bestehen als Forderung „auf der einen Seite Absolutheitsansprüche betreffend die eigene Weltsicht zurückzunehmen und auf der anderen Seite, sich mehr Offenheit für bisher Fremdes zuzulegen.“ (S.286) Derart wird der Autorin zufolge der persönliche Stil zum „Bild des Menschen“ (Vermischte Bemerkungen 1949, 150), zum Ausdruck seiner Wahrhaftigkeit (VB 1939-1940, 78), seines Mutes (ebd., 79), seiner Authenti-zität und „guten Originalität“, die nach Wittgenstein zuvorderst darin bestehe, „nicht sein zu wollen, was man nicht ist.“ (VB 1947, 118).

Mit dem „Sinn der Ethik“ und dem „ethischen Sinn“ befaßt sich Jens Kertscher aus einer differenzorientierten Perspektive. Die leitende These seiner Ausführungen ist dabei, daß Wittgensteins Gedanken zur Ethik die Möglichkeit einer Alternative zum vorherrschenden Paradigma der neuzeitlichen praktischen Philosophie eröffnen. In Auseinandersetzung mit (neo-)aristotelischen (Walzer) und kantianischen (Habermas) Moraltheorien exponiert der Autor dabei, daß Wittgensteins Weise, sich Fragen der Ethik zu nähern nicht nur Kritik am Ideal der rationalen Normenbegründung ermöglicht, sondern auch an „den Blick auf die tatsächliche Vielfalt moralischer Diskurse versperrende Theorien, die von der Homogenität ethischer Lebensformen ausgehen. (...) In beiden Fällen dominieren Vorstellungen von Identität und Homogenität über die Wittgensteinsche Aufmerksamkeit für Differenz.“ Diese Aufmerksamkeit bestünde darin, die „Suche nach einer einheitlichen Theorie, mit deren Hilfe man Unterscheidungen treffen kann, die jeder moralisch kompetente Akteur kennen muß“ (S.109) ersetzt würde durch die grammatische Untersuchung und die unablässige Deutung und Beschreibung von Sprachspielen, in denen ethische Ausdrücke auftreten, „um deren kontextgebundene Verwendungsweise wiederzuerkennen“ und ohne dabei auf theoretische bzw. metaphysische Setzungen zu rekurrieren, die verdecken, was sich ereignet, „wenn ein moralischer Diskurs geführt bzw. moralisch geurteilt und gehandelt wird.“ (S.110)

Liam Hughes stellt seinem eher handlungstheoretisch inspirierten Beitrag Wittgensteins Diktum voran „Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen.“ (TLP 6.41). Hughes kritisiert, daß Wittgenstein die (Alltags-)Ethik nur deshalb dem Bereich des Unsagbaren zuschlagen könne, weil er mit der Splittung des Subjekts in ein „metaphysisches Ich“ des Willens und ein „psychologisches“ der Tatsachen übersehe, daß die Beziehung zwischen „Wollen“ und „Handeln“ eine interne und insofern eine immanent ethische sei (S.80): „Die Welt ist nicht unabhängig von meinem Willen. Ich handle an und in der Welt. Was ich tue oder unterlasse, macht einen Unterschied und betrifft nicht nur die Haltung, die ich dazu einnehme“, sondern, „aufgrund der Existenz anderer“ (S.85), auch das ethische Urteil über den intentionalen Sinn von Handlungen.

Die in diesem Sammelband wohl komplexeste Reflexion auf den Bereich des Unaussprechlichen entfaltet Dieter Mersch mit seinem Artikel zu „Wittgensteins Ethik des Zeigens“. Tragendes Motiv dabei ist die Synchronität von materialer Klärung des sinnvoll Sagbaren und der Funktion des Zeigens bei Wittgenstein, beide verhalten sich gleichsam wie „zwei Seiten eines Blattes, bei der jede Einflußnahme auf der einen Seite auch eine Veränderung der anderen“ (S.133) nach sich zieht. Die Region des Unsinnigen unterteilt sich demnach nochmals in die Sphären des „bloß Konfusen und: des Verweisens, des Sichzeigenden (...) Letzteres bezieht sich auf das „Ganze“ von Logik, Sprache und Welt“, über dieses „läßt sich nicht in sinnvollen Sätzen sprechen, höchstens vermittels ihrer, indem sie etwas preisgeben, was ihrem propositionalen Gehalt entzogen bleibt“. (S.136) Gleichwohl gibt es, so Mersch, „eine charakteristische Differenz zwischen dem Sichzeigen der Sprache durch die Rede und dem Sichzeigen der Welt in ihr. Denn die Sprache offenbart vermöge des Sprechens, wie sie ist: Sie enthüllt als Praxis ihre Form; während an der Welt, indem über sie gesprochen wird, hervortritt, daß sie ist: Sie entbirgt ihre Existenz.“ (ebd.) Demnach läßt sich gemäß dem Autor vom Ereignischarakter des „daß“, also von jenem, das sich zeigt auch als „Mysterium der Existenz“ der Welt sprechen, wohingegen das „wie“ die gleichsam mystische „Unbestimmbarkeit der logischen Form“ betrifft, das heißt Wittgensteins unmögliches Unterfangen, von etwas zu reden, worüber sich nur schweigen läßt. Gemeint sei damit jedoch nicht: Das Unaussprechliche existiert als ein Transzendentes oder Unerklärliches jenseits von Sprache; „vielmehr ereignet es sich allererst aus dem Gegensatz zwischem dem Sagbaren und Zeigbaren.“ (S.137) Ausgehend von diesen Differenzierungen gelingt es Mersch, Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Früh- und Spätwerk herauszuarbeiten. Während die Perspektive des TLP eine „Ontologie des Logischen“ privilegiere, vollziehen sich späte Schriften Wittgensteins wie die Philosophische Grammatik (PG) und die PU „exemplifikatorisch“ und aufweisend: „eine Pluralität von Sprachspielen (...) zeigt sich“ (S.138) performativ. Ethik und Ästhetik hingegen verdanken sich „des Bruchs mit der Diskursivität“, denn, zwischen dem Sagbaren und der Unaussprechlichkeit des Ethischen gebe es keine „Übersetzung“, sondern nur einen „Sprung“ in die „auratische“ Plötzlichkeit des „Daß“. (S.140f.) Dieser bzw. der „Meta-physik“ (S.141) dennoch ein Wort zu leihen, kommt zwar einem „Mißbrauch der Sprache“ (VE, 15f.) gleich, erweise sich aber als „bedeutsamer Unsinn“, als „Zwiespalt zwischen unmöglicher Rede und notwendiger Über-schreitung.“ (S.143) Spiegelbildlich aber, so der Verfasser, verweigere sich Wittgensteins Kategorie „Sinn“ qua Unverfügbarkeit über das „Daß“ der intentionalen Konstruktion oder individuellen Wahl, er zeige sich ereignishaft in seiner „Responsivität als Form einer Praxis“ (S.148): „Die Struktur der Tatsachen, die Grammatik der Sprache und die Form des Antwortens wie des Handelns
ent-sprechen sich.“ (S.151) Daher ver-antwortet Wittgensteins „Ethik des Zeigens“ zwar in ihrer Begrenzung das individuelle „Lebensrätsel“, negiert jedoch zugleich die für das ethische Problem konstitutive An-rufung durch das „Rätsel der Anderen“ (S.153), wie Mersch abschließend kritisch bemerkt.

Vor dem Hintergrund der Auftrennung der Moderne in eine kulturalistisch-spekulative und eine naturalistisch-algorithmische Wissenskultur, wie sie in jüngster Zeit v.a. in den sogenannten „science wars“ virulent geworden sind, wirft Matthias Kroß einen kritischen Blick auf die Diskussionen um die Möglichkeiten und metaphysisch-ethischen Grenzen der szientifischen Technologisierung der Gesellschaft, der Kontrolle wissenschaftlicher Forschung wie auch eines post-wittgensteinianischen Modells einer „Epistemologie der Zukunft“ (S.128). Im Zentrum seiner transdiziplinären Betrachtungen thematisiert er die „Grammatik der „Naturgeschichte“ und die Aufgabe der Philosophie“ nach Wittgensteins anti-philosophischer, d.h. anti-metaphysischer Haltung (S.115), wie sie in Formulierungen wie der „Zerstörung“ der Philosophie (vgl. VB 1931, 45), ebenso wie vom naturgesetzlichen Kausalnexus als „Aberglaube“ (TLP, 5.1361) zum Ausdruck kommen, so Kroß. Der Autor argumentiert, daß mit Wittgensteins „Zum-Verschwinden-Bringen“ bzw. mit dessen selbstgesetzten Auftrag ein „Klarwerden der Gedanken“ vollzogen sei, der in der strikten Trennung „von sinnvollen und unsinnigen Aussagen in Hinsicht auf den Status von Sätzen“ (S.121) bestehe und hausbackene Mißverständnisse der Philosophie wie gleichermaßen der Wissenschaften zu vermeiden wisse. (S.123) So gebe Wittgenstein zwar im TLP (6.53) die positive Auskunft, „daß man auf philosophische Fragen ausschließlich Sätze der Naturwissenschaft zur Antwort zu geben hätte“,(S.122) unterstreiche aber die Kontingenz wissenschaftlicher Sätze bzw. Hypothesen: „Von Interesse ist (...) ihre logische Form als ein „A priori“ wissenschaftlicher Aussagen“(S.122), ihr eingeschrieben ist ein paradigmatisch geschlossenes „System der Weltbeschreibung“ (TLP 6.341), „das nicht deren Inhalte, wohl aber deren logische Reichweite und Geltungsvoraussetzungen empirischer Sätze sowohl festlegt wie auch ihre ‘Gegenstände’ sichtbar werden läßt. (...) Das Verfahren, von der unvermeidlich apriorischen Form der naturgesetzlichen Weltbeschreibung auf deren explanatorischen aposteriorischen Inhalt schließen zu wollen, wird von Wittgenstein scharf abgelehnt...“. (S.122f.) Demgegenüber ziele das im TLP entwickelte Verfahren in den späten Schriften auf die Anwendung der „Härte des logischen Muß“ in konkreten Einzelfällen und divergenten Praxisstilen, um allererst auf diese Weise den „metaphysischen Bann“ , das Verwischen begrifflicher und sachlicher Untersuchungen dadurch zu brechen, daß strikt zwischen klärender, begrifflicher Tätigkeit und unterschiedlichen (naturwissenschaftlichen) Praktiken unterschieden wird, so Kroß. Derart bilden die in der relativen Pluralität spezifischer Systeme der Weltbeschreibung implizierten „logischen Strukturen (...) das grammatische Gehäuse, in dem empirische Sachverhalte (...) zirkulieren können. Sie erschließen eine Welt, indem sie die Möglichkeiten, die ‘Freiheitsgrade’ von Tatsachen und Befunden festlegen.“ (S.125) Gegen sie zu verstoßen bedeute wieder in die unsinnige moderne Dichotomie der Wissenskulturen und damit auf die schlechte Alternative zwischen Metaphysik bzw. ethischer Präskription einerseits oder deterministische Naturerkenntnis andererseits zurückzufallen. Aus einer von Wittgenstein inspirierten Perspektive seien heute daher vielmehr „über den Zweifel erhabene Regularien zu formulieren, deren korrekte Befolgung gewährleistet werden kann, damit das Gesollte auch gekonnt werden kann.“ (S.130) - Was sich am Sagbaren „als Methode der Formulierung von Aussagen zeigt“, so Kross, ist der kontingente, metasprachlich nicht beschreibbare, logische „Koinzidenpunkt“ zwischen dem Erfahrungssatz und dem es stützenden logischen Aussagenssystem.“ (S.126)

Im weiteren beschäftigen sich in „Der Denker als Seiltänzer“ John Churchill mit der „Konvergenz von Gott, dem Selbst und der Welt“ im TLP, Andrej Ule mit Wittgensteins „Alles lassen wie es ist“ (PU §124) und Ulrich Arnswald mit dem „Paradox der Ethik - Sie läßt alles wie es ist.“ nach Wittgenstein. Unter diesen verknüpft vor allem Letzterer einige dieser Motive zu einem eigenständigen Artikel. So stellt er heraus, daß man mit Wittgenstein „wider die universale Ethik“ (S.11) den mit Religion und Ästhetik zusammenfallenden „ethischen Willen“ (20), das „ethische Gefühl“ (24f.) bzw. den „ethischen Impuls“ (S.29) nachmetaphysisch rehabilitieren könne, denn das Mystische „das Wittgenstein als die Ethik des Individuums propagiert“, so der Autor, „ist keine Seinsweise, sondern eine Lebensform. Insofern ist es falsch, wenn manche behaupten, daß Wittgenstein die metaphysische Deutung der Ethik noch verschärfe, indem er die Ethik in die Nähe von mystischen und religiösen Erfahrungen rücke. Denn weder die Mystik noch die Religion basieren auf einem ‘bereits vorauszusetzenden Allgemeinen’, das ja als Kriterium der Metaphysik gilt.“ (S.24) Gemäß Arnswald entproblematisiere also das Konzept einer hermetischen und mystischen Ethik des Selbst nicht den fraglichen Idealismus und Solipsismus im Werk Wittgensteins, sondern übersetze sie in eine nicht beurteilbare, „nicht rechtfertigungsbedürftige selbstgewählte“ Praxis einer Person (S.31), „deren Bedeutung sich nur zeigen kann, indem man so handelt.“ (S.28)

Sehr differenziert behandelt der Aufsatz von Joachim Schulte diesen Zusammenhang mit Wittgensteins „Ich bin meine Welt.“ (TLP, 5.63) Schulte verfolgt Wittgensteins quasi autobiographisch geschilderten Weg vom „Idealismus zum reinen Realismus“ (S.211) ausgehend vom Problem jenes „eigentümlich Solipsistischen“ (S.200) im TLP. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß allererst die „Einzigkeit des Blickpunktes“ durch den Blick sub specie aeternitatis das Ich bzw. den „Geist“ an die Grenze zur Welt versetze (S.211), in einen „Parallelismus zwischen der Welt drüben und dem Geist hüben“ (S.209), der das subjektive, perspektivische Element des frühen Wittgenstein abbaue und schließlich, „sobald das Ich seiner Zugehörigkeit zur Weltseele inne wird“ im „reinen (kristallreinen?) Realismus“ ganz suspendiert sei: „Daß diese Welt meine Welt und diese Sprache meine Sprache ist, läßt sich jetzt nicht mehr sagen, sondern nur noch zeigen. Und was die Sprache zeigt, ist, wie man vielleicht sagen darf, die Erinnerung an den von Wittgenstein beschrittenen Weg.“ (S.211)

Abgesehen von der nur alphabetischen Anordnung der Beiträge und dem leider fehlenden Autorenverzeichnis kann man somit zusammenfassend sagen, daß „Der Denker als Seiltänzer“ nicht nur einige sehr interessante Perspektiven auf Wittgensteins Betrachtungen zu Religion, Mystik und Ethik bietet, sondern auch zu seiner Philosophie im Ganzen. Daß sich an dieser aber weniger ein positivistisches Reduktionsprogramm, denn eine Haltung zum Sagbaren und Unaussprechlichen aufweisen läßt, die jenseits des scheinbar eindeutigen Bildes vom „Philosoph und Lehrer“ Wittgenstein steht, das machen die Artikel auf gelungene Art und Weise wiederholt deutlich.

© Wittgenstein-Studien 2001 / 2002

ISSN 1439-765X

 

 

 
   
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