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Ulrich Arnswald / Anja Weiberg (Hrsg.).

Der Denker als Seiltänzer
Ludwig Wittgenstein über Religion, Mystik und Ethik


Mit Beiträgen von Joachim Schulte, Matthias Kroß, Dieter Mersch, Regine Munz u.a.
2001, 13 x 21 cm,    230 S., Br.,     ISBN 3-930450-67-4     EUR 19,80


Der Denker als Seiltänzer
Rezensionen

Peter Baumann, University of Aberdeen
Zeitschrift für philosophische Forschung, Band 57 (2003), Heft 1, S. 139-142.

Einer der bekanntesten Bemerkungen Wittgensteins zufolge gibt es Dinge, über die man nicht sprechen könne. Von etwas zu sagen, man könne nichts darüber sagen, ist paradox, und es überrascht nicht, dass Wittgensteins Bemerkung für Aufsehen gesorgt hat und bis heute viele Philosophen fasziniert und beschäftigt. Interessanterweise hat Wittgenstein uns (etwa im Tractatus) sogar verraten, worüber genau man nichts sagen könne: über Ethik und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Nachdem die Wittgenstein-Forschung sich lange Zeit vorwiegend mit Wittgensteins Überlegungen zu sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Themen befasst hat, gibt es seit einigen Jahren vermehrt Arbeiten zu den „Rand-Themen“, die für ihn so zentral waren. Die vorliegende Aufsatz-Sammlung widmet sich all diesen verschiedenen Themen, wobei der Entwicklung von Wittgensteins Denken immer gebührend Rechnung getragen wird. Wittgenstein zufolge sind authentische (religiöse etc.) Denker wie Seiltänzer. In dem vorliegenden Band wird über Stange, Seil und Netz gesprochen sowie darüber, wie ein Absturz zu vermeiden sein könnte.

Die meisten Beiträge widmen sich – wie kaum anders zu erwarten – Wittgensteins Auffassungen über Ethik. Da Wittgenstein keine normative Ethik entwickelt hat, geht es hier eher um die Natur und den Status der Ethik. Monika Seekircher macht in „Wittgensteins ‚praktische Ethik’ in seinen Briefen“ deutlich, dass sich aus diesen Briefen immerhin erkennen lässt, welche Art von ethischer Orientierung für den Menschen Wittgenstein kennzeichnend war: Der Wunsch, ein „authentisches“ und „anständiges“ Leben zu führen, ist deutlich zu erkennen. Die Bedeutung des Werts der Wahrhaftigkeit für Wittgenstein wird von Anja Weiberg („Philosophie und Leben“) hervorgehoben (vgl. 275ff., 286ff.). Ihr zufolge war für Wittgenstein nicht nur das persönliche Leben des Einzelnen, sondern auch die Philosophie ethischen Forderungen unterworfen, und zwar insbesondere der nach Wahrhaftigkeit. Regine Munz („’Von mir kann ich nichts sagen. Ich lebe noch immer’ – Ludwig Wittgensteins Schreiben im ersten Weltkrieg“) untersucht den Zusammenhang von Zeitgeschehen, Person und Werk (vor allem dem Tractatus). Ihr zufolge kann man an Wittgensteins Tage- und Notizbüchern erkennen, dass nach dem Erleben der russischen Brussilow-Offensive von 1916 verstärkt mystische Themen in Wittgensteins Philosophie integriert werden (vgl. 170f.). Munz zufolge drücken sich insofern in Wittgensteins Werk Kriegserlebnisse aus, die allerdings unreflektiert bleiben oder gar verdrängt werden (vgl. 175f.).

Die beiden am breitesten angelegten Beiträge über Wittgenstein und Ethik stammen von Wilhelm Beermann („Befreiung aus dem Käfig – Zur Entwicklung der Wittgensteinschen Ethik“) und von Jens Kertscher („Der Sinn der Ethik und der ethische Sinn“). Beermann argumentiert für die These, dass sich Wittgensteins Auffassung der Ethik grundlegend gewandelt hat: Während er ethischen Sätzen zur Zeit des Tractatus jeden Sinn abspricht, gibt er diese These später zugunsten der Idee auf, dass es auch ethische Sprachspiele gibt. Bemerkenswert ist Beermanns zusätzliche und sicherlich kontroverse These, dass die Ethik in Über Gewissheit sogar die Funktion eines normativen Fundaments der Sprachspiele übernimmt (vgl. 46ff.). Kertscher stellt in seinem Beitrag weniger die historische Entwicklung als zentrale systematische Aspekte des ethischen Denkens Wittgensteins in den Vordergrund: so vor allem einen Partikularismus, der sowohl die Bedeutung des Kontexts spezifischer Handlungs-Situationen wie die Irreduzibilität der Perspektive der ersten Person hervorhebt; dazu passt ein gewisser ethischer „Pluralismus“. All dies läuft dem Universalismus in der Ethik sowie den Rationalitätsansprüchen insbesondere moderner ethischer Theorien natürlich diametral entgegen (vgl. 92ff. sowie auch Hughes, 85ff.). Wittgenstein ist antiken Konzeptionen der Ethik deutlich näher, auch insofern, als die Frage nach dem guten Leben oder dem „Sinn des Lebens“ für ihn die zentrale ethische Frage darstellt (vgl. 93f.). Es ist interessant zu sehen, dass sich bei Wittgenstein Auffassungen über Ethik finden, die seit jüngster Zeit (wieder) stark diskutiert werden.

Ulrich Arnswald („Das Paradox der Ethik – ‚Sie lässt alles, wie es ist.’“) teilt Kertschers Charakterisierung (12) und betont noch etwas mehr die non-kognitivistischen, anti-theoretischen und pragmatistischen Elemente von Wittgensteins Auffassungen über Ethik (vgl. 12ff., 29f.). Zentral für Arnswald ist aber das Paradox einer Ethik, die zum einen das Handeln anleiten soll und zum anderen doch „alles lässt, wie es ist“. Auf die Bedeutung und Interpretation von Wittgensteins „Alles lassen, wie es ist“ geht Andrej Ule im Einzelnen ein. Ihm zufolge – und hier trifft er sich mit Arnswald – war Wittgenstein nicht nur mit Bezug auf Sprache, sondern auch mit Bezug auf menschliches Handeln sowie Ethik und Religion der Auffassung, dass die Philosophie alles lässt und lassen sollte, wie es ist. Schließlich sei nach Wittgenstein die Welt unabhängig vom eigenen Wollen und Handeln, weswegen Ule auch von einem „Nichttun im Tun“ (vgl. 260) spricht.

Liam Hughes („’Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen.’“) befasst sich mit der Interpretation seines recht enigmatischen Titel-Zitats. Dass Werte außerhalb der Welt liegen, ist offenbar so zu verstehen, dass Äußerungen über Werte keinen Sinn haben, - nichts „sagen“, sondern nur etwas „zeigen“. Wie Arnswald betont Hughes ausserdem die Schwierigkeiten einer Position, derzufolge das Ich nicht handelnd in die Welt eingreift, die Ethik aber dennoch die wichtigsten praktischen Fragen behandelt (vgl. 77ff.). Aufgrund einer veränderten Vorstellung von Wille und Handlung verschwindet dieses Problem nach Hughes zur Zeit der Philosophischen Untersuchungen (vgl. 84f.). Die für den Tractatus so zentrale Dualität von Zeigen und Sagen wird von Dieter Mersch („’Es gibt allerdings Unaussprechliches...’ – Wittgensteins Ethik des Zeigens“) näher untersucht und auf Ethik, Ästhetik und Religion gleichermaßen bezogen (vgl. 139; vgl. dazu auch Somavilla, 242ff., die der Bedeutung der zeigenden Geste für Wittgensteins Überlegungen zu Philosophie, Kunst und Religion nachgeht). Interessant ist Merschs Kritik an Wittgensteins „Ethik“, derzufolge Wittgenstein die Bedeutung von „Alterität“ und die Rolle, die andere Personen in unserem Leben spielen, vernachlässigt (vgl. 153).

Matthias Kross („Die Grammatik der ‚Naturgeschichte’ und die Aufgabe der Philosophie. Ethik und Wissenschaft nach Wittgenstein“) behandelt die Spannung zwischen Ethik und Wissenschaft in verschiedenen Phasen von Wittgensteins Denken. Mit der Annahme der Objektivität der Fakten kontrastiert etwa beim späten Wittgenstein die Relativität und Unbegründbarkeit der Sprachspiele und der Ethik (vgl. 127ff.). Kroß schließt mit der pointierten Bemerkung, dass „sich Einsteins Bemerkung, dass Religion und Wissenschaft in einer internen Beziehung stehen, durchaus mit der Logik der Sprachspiele versöhnen [lässt], allerdings nicht, wie Einstein wollte, um den deus sive natura zu preisen. Mit Wittgenstein gilt vielmehr: natura sive lingua.“ (130).

Andere Aspekte des „Unaussprechlichen“ stehen bei Ilse Somavilla („Religion und Kunst in Wittgensteins Philosophieren: Parallelen und Unterschiede“) und Genia Schönbaumsfeld („Wittgenstein über religiösen Glauben“) im Zentrum des Interesses: Religion (vgl. dazu auch Arnswald, 19, 24ff.) und Kunst. Bei Somavilla liegt der Akzent auf Wittgensteins früher Philosophie. Schönbaumsfeld betont besonders den Non-Kognitivismus in Wittgensteins Äußerungen über Religion: Die Frage nach der Existenz Gottes ist – ähnlich wie die Frage nach der Existenz von Gegenständen überhaupt - ohne jeden empirischen Gehalt. (vgl. 180ff., 184ff.).

Schließlich gibt es noch zwei Beiträge, die sich mit Themen befassen, die man „metaphysisch“ nennen könnte. John Churchill („Die Konvergenz von Gott, dem Selbst und der Welt in Wittgensteins Tractatus“) weist auf interessante Parallelen zwischen Wittgenstein und Spinoza hin, und zwar insbesondere, was das Verhältnis von Gott, Welt und Subjekt angeht (vgl. 63ff.). Beide Philosophen, so Churchill, begehen den grundlegenden Fehler, die Perspektive, von der aus ihr jeweiliges „System“ entworfen wurde, selbst in das System integrieren zu wollen, was nur zu Paradoxien führen könne (vgl. 67f.). Joachim Schulte („’Ich bin meine Welt’“) widmet sich einem verwandten Thema, das die Wittgenstein-Interpreten immer schon vor Rätsel gestellt hat: dem Solipsismus. Schulte zufolge ist der Solipsismus des Tractatus, wie er sich etwa in seinem Titel-Zitat ausdrückt, nicht mit Überlegungen des späten Wittgenstein über die Unmöglichkeit einer privaten Empfindungssprache, die Selbst-Zuschreibung von Empfindungen sowie die Analyse von Ich-Sätzen in Verbindung zu bringen; Wittgenstein hat sich später, so Schulte, in Distanz zum Solipsismus begeben (195f.). Schulte trägt sehr viel zur Interpretation der entsprechenden, zumindest solipsistisch klingenden Stellen bei Wittgenstein bei (vgl. 197ff.). Ob Wittgensteins früher Solipsismus überhaupt eine verständliche oder nachvollziehbare Position darstellt, sei hier offen gelassen!

Allgemein kann man sagen, dass dieses Buch einen breiten und sehr gut balancierten Überblick über die verschiedenen Themen gibt, die für Wittgenstein so wichtig waren und über die er so wenig gesagt hat (bzw. so viel Rätselhaftes). Die Beiträge sind trotz der Schwierigkeiten der Wittgensteinschen Texte sehr klar geschrieben und immer an Argumenten orientiert. Das Buch stellt einen sehr hilfreichen und wichtigen Beitrag zur Wittgenstein-Forschung dar und sei allen Interessierten nachdrücklich zur Lektüre empfohlen!

 

 

 
   
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